Alfred



28. Februar 2024. Ein frostiger Montag, der wie ein grimmiger Wächter am Ende des Winters stand. Ein Tag, an dem man sich am liebsten mit einer Tasse heißer Schokolade unter die Decke verkroch und den Frühling herbeisehnte. Alfred jedenfalls tat dies. Sehnlichst wartete er auf die wärmeren Tage, die Sonne und Licht in seine Gegend bringen würden.  Die Kälte und Düsternis drückten auf seine Stimmung wie ein unsichtbarer Bleiklotz.

Alfred, 28 Jahre alt und freiberuflicher Fitnesstrainer, lebte mit seiner Frau Helga und der gemeinsamen siebenjährigen Tochter Imke. Sein Einkommen war unstet. Mal brummte das Geschäft und neue Kunden rissen ihm die Türen ein, mal herrschte wochenlang Flaute. In diesen Phasen wuchsen bei dem jungen Mann die Zweifeln an seiner Berufswahl. Mit mürrischer Miene und geballten Fäusten stapfte er dann durch die Wohnung, unfähig, die Sorgen zu vertreiben. "Ich muss doch meinen Mann stehen und meine Familie versorgen können!", mahnte er sich in diesen Momenten.

Helga war ein Jahr älter als ihr Mann und arbeitete als Allgemeinärztin in einer Hausarztpraxis. Dank ihrer sicheren Anstellung war ihr Beitrag zur Haushaltskasse mitunter deutlich größer als der ihres Mannes. Dass er weniger verdiente, störte sie nie. Das gemeinsame Einkommen reichte nicht nur für ein angenehmes Leben, sondern ermöglichte auch beträchtliche Rücklagen.

Alfreds manisch-depressive Störung, die schon in seiner Kindheit diagnostiziert worden war, verlieh seinen Stimmungstiefs und -hochs eine zusätzliche Brisanz. Helga, die es manchmal schwer mit ihm hatte, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihm eine Stütze zu sein und ihn durch seine Stimmungsschwankungen zu begleiten. In seinen euphorischen Phasen versuchte sie, ihn zu besonnen, während sie in seinen düsteren Momenten an seiner Seite war, ihm ihre Liebe zeigte. Mit allen erdenklichen Mitteln versuchte sie, ihm ein Lächeln zu entlocken, was sie als einen kleinen Sieg feierte. Wenn sich die dunklen Wolken auf Alfreds Gesicht verzogen, gab er ihr einen Kuss und sagte, dass er ohne sie verloren wäre.

Am 28. Februar fasste Alfred den Entschluss, sein Geld in Toncoin zu investieren. Kryptowährungen waren ihm nicht fremd; Bitcoin, Ethereum und einige andere waren ihm ein Begriff. Als Experte sah er sich allerdings nicht, fehlte ihm doch das technische Verständnis für die Funktionsweise dieser Technologie. Seine Frau Helga hingegen war deutlich tiefer in der Materie drin und gab in Sachen Geldanlage den Ton an. Alfred war es recht so, denn seine Stimmungsschwankungen machten es ihm schwer, mit der Volatilität des Kryptomarktes umzugehen. Zu oft schon hatte Helga ihm das Handy aus der Hand nehmen müssen, wenn er stundenlang wie gebannt auf die schwankenden Kurse starrte. Sie erinnerte ihn dann daran, dass dies nur Zeitverschwendung sei und er seine Lebenszeit vergeude. Widerspruch konnte er ihr nicht leisten: Sie hatte vollkommen Recht, und er war ihr dankbar, dass sie ihn zu disziplinieren vermochte, wo er selbst versagte.

In den letzten Wochen war Alfred tief in die Welt von Toncoin eingetaucht. Seine Überzeugung, dass er hier eine große Chance witterte, wuchs mit jedem Tag. Die Zukunft von TON sah in seinen Augen rosig aus: Seit geraumer Zeit war es in Telegrams Wallet integriert, und Pavel Durov, der Gründer von Telegram, versprach immer wieder neue Anwendungsfälle. "Wer an Telegram und Pavel Durov glaubte, hatte keinerlei Gründe, an TON zu zweifeln", dachte Holger. Sobald seine Frau von der Arbeit zurückkam, musste er mit ihr sprechen.

Das Leben nimmt manchmal unerwartete Wendungen und und wirft unsere Pläne über den Haufen - so war das auch diesmal geschehen.

Mit einem Vibrieren machte Alfreds Telefon auf einen neuen Post in Pavel Durovs Telegram-Kanal "Du Rove Channel" aufmerksam. Er öffnete die App und begann, den Beitrag zu lesen. Darin stand:

😝 Next month, channel owners on Telegram can start receiving financial rewards from their work. 
Broadcast channels on Telegram generate 1 trillion views monthly. Currently, only 10% of these views are monetized with Telegram Ads  — a promotion tool designed with privacy  in mind.
 

In March, the Telegram Ad Platform will officially open to all advertisers in nearly a hundred new countries. Channel owners in these countries will start receiving 50% of any revenue that Telegram makes from displaying ads in their channels. 

To ensure ad payments and withdrawals are fast and secure, we will exclusively use the TON blockchain. Similar to our approach with Telegram usernames on Fragment, we will sell ads and share revenue with channel owners in Toncoin. This will create a virtuous circle, in which content creators will be able to either cash out their Toncoins — or reinvest them in promoting and upgrading their channels 🤑


Als er die Nachricht las, schoss sein Puls in die Höhe und seine Atmung beschleunigte sich. Wäre diese Ankündigung erst nach seinem Kauf von Toncoin erfolgt, wäre er außer sich vor Freude gewesen. Hastig loggte er sich in sein TradingView-Konto ein, tippte TON ein und öffnete den dazugehörigen Kerzen-Chart mit 1-Stunden-Intervall. Eine gewaltige grüne Kerze erhob sich wie eine Falcon 9-Rakete, unaufhaltsam in den Weltraum strebend. Die vorherigen Kerzen verschmolzen zu einer flachen Linie, einem rot-grünen Tal, von dem sich das grüne Raumschiff immer weiter entfernte. Ein Flug Richtung finanzielle Freiheit. Doch Alfred wusste: Er stand nicht auf der Passagierliste.

Alfred fluchte leise, wenn er das Preisgeschehen sah. Sofortiges Handeln war erforderlich. Binnen einer Minute überwies er einen beträchtlichen Betrag auf sein Trading-Konto und platzierte eine Markt-Order für Toncoin  im Wert von 10.000 USD. Die Order wurde sofort ausgeführt, als TON die Marke von 2,80 Dollar erreichte. Ein Anstieg von fast 40 % seit dem Morgen.

Erst dann sah Alfred, dass er sich vor lauter Aufregung bei der Eingabe der Menge vertippt hatte. Der Wert der Kauforder war 100.000$ statt 10.000$. Er hatte aus Versehen Toncoin im Wert von 100.000$ gekauft. Kalter Schweiß brach ihm aus, als er seines Fehlers bewusst wurde. Er traute sich jedoch nicht, die Position zu reduzieren. Der Preis stieg in den nächsten Minuten um weitere 7% auf 2,99$ und seine Positionsgröße betrug nun in Dollar 107.000$. Mehr als 7.000$ Gewinn in ein paar Minuten! Alfred war berauscht. Was würde passieren, wenn der Preis weiter steigen würde? Könnte er mit diesem Kauf reich werden?

Ein euphorisches Gefühl, das sogar einen neurotypischen Menschen um den Verstand gebracht hätte, überkam Alfred. Endlich! Der Toncoin-Kurs schoss in die Höhe, sein Kontostand wuchs mit jeder Sekunde. Träume, die zuvor unerreichbar schienen, rückten plötzlich in greifbare Nähe. Quebec, die lang ersehnte Urlaubsreise, die aus Kostengründen immer wieder verschoben werden musste, stand jetzt wieder auf dem Plan. Endlich konnte er die Küche renovieren und seiner Tochter das Medizinstudium ermöglichen. Die Kleine wusste schon, was sie eines Tages werden wollte.

Er fühlte sich unbesiegbar, seine Brust schwoll vor Stolz. Er würde jetzt den größten Teil seiner übergroßen TON-Position abstoßen und den beträchtlichen Gewinn einstreichen, der die Hälfte seines Jahresbruttoeinkommens betrug. Ein Freudentaumel durchströmte ihn, und er tanzte durch die Wohnung wie ein Derwisch. Er malte sich bereits die schönsten Szenarien aus – ein sorgenfreies Leben in Saus und Braus, Reisen in die entlegensten Winkel der Welt, die er nun Helga und Imke ermöglichen konnte. Dabei vergaß Alfred jedoch, dass der Gewinn noch nicht realisiert war.

Erst nach einer halben Stunde wurde ihm dies bewusst und er eilte zum Computer. Als er sich in sein Trading-Konto einloggte, traute er seinen Augen kaum. Der Kurs des Toncoins war auf 2,60 $ gefallen und sein vermeintlicher Gewinn hatte sich in einen Verlust derselben Größe verwandelt. Entsetzen und Panik durchströmten ihn. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er rieb sich die Augen, versuchte seinen Verstand zu schärfen, denn er konnte es einfach nicht glauben. Was war passiert? War sein Plan gescheitert? Hatte er alles falsch gemacht?

Trotz des Schocks über die neuen Umstände versuchte er, sich zu beruhigen.

Der Trend musste sich wenden, es war nur eine Frage der Zeit. “Ich muss nur ein bisschen gedulden”, dachte sich Alfred. 

“Es müssen nur vereinzelte Gewinnmitnahmen der "Zittrigen" sein, die den Kurs so stark gedrückt haben.”, suchte er nach einer plausiblen Erklärung des Kursverfalls. 

Er hat sich fast davon überzeugt, aber tief in seinem Inneren spürte e, dass sein Traum von dem großen Reichtum ihm immer mehr entglitt. Ein kurzes Zucken in seinem Augenwinkel verriet, dass die Hoffnung immer mehr schwand.

Gegen 15:00 Uhr beobachtete er mit zunehmendem Entsetzen, wie der Preis von TON wie ein abgeschossener Düsenjäger in Richtung Bodenlose stürzte. 

Woher kamen alle diese Verkäufe?

Es schien, als hätte die Rakete ihr letztes Feuer ausgestoßen und hing für einen Moment in der Luft, bevor sie, von der Last ihrer unzähligen Passagiere nach unten gezogen, in einen steilen Sturzflug überging. Von einer sanften Landung konnte keine Rede sein – nur ein vernichtender Aufprall stand bevor.

Die Wut in ihm explodierte, er riss den Monitor vom Tisch und ließ ihn auf den Boden krachen. Ein ohrenbetäubendes Splittern, schwarze Schlieren auf dem Display. Alfred sackte zu Boden, von Schluchzern geschüttelt. Die Wut war verpufft, zurück blieb nur nackte Verzweiflung.

"Ich habe sie alle verraten. Ich habe die Zukunft meiner Tochter aufs Spiel gesetzt", kreiste verzweifelt in Alfreds Kopf.

Wie würde Helga reagieren, wenn er ihr beichtete, was er getan hatte? Stumm, mit starren Augen, voller Enttäuschung?

Er sah Imkes tränenüberströmtes Gesicht vor sich, wie sie sich an ihre Mutter schmiegte. Ihr eigener Vater hatte ihre Zukunft zerstört.

Diese Vorstellung war unerträglich. "Ich bin ein Monster...", flüsterte Alfred und kämpfte gegen die Schluchzer an.

"Ich muss sie von dieser Last befreien", fasste er einen Entschluss. "Sie haben das alles nicht verdient", fügte er hinzu, sein Gesicht von seelischem Schmerz gezeichnet.

Seine Finger umfassten den kalten, glatten Griff einer Kommode, er zögerte kurz und dann öffnete er sie. In der oberen  Schublade, ordentlich sortiert in kleinen Fächern, ruhte sein Arsenal gegen die Unruhe des Geistes: Darunter auch eine angebrochene Schachtel mit Schlaftabletten. Mit zittrigen Fingern entnahm er ein Blisterpack aus der Schachtel, löste die Folie und drückte die Pillen in seine Handfläche. Fünf kleine weiße Punkte, die ihm Erlösung versprachen. Den bitteren Geschmack im Mund ignorierend, schluckte er sie mit einem Glas Wasser hinunter. Dann setzte er sich auf das Sofa, die Augen geschlossen, den Atem tief und ruhig. Wartete auf den Schlaf, der ihn umhüllen und in eine sanfte Dunkelheit ziehen sollte. Eine Dunkelheit, die ewig währen würde. Befreiung für ihn, Erlösung für seine Familie. Ein Ende der Last, die sie alle so lange erdrückt hatte.

Alfreds Glieder erschlafften langsam und er fiel in Ohnmacht. Fünf Minuten später hörte man den Schlüssel im Schloss der Eingangstür drehen. Die Wohnungstür sprang auf und Helga trat ein. Sie begrüßte ihren Mann, während sie ihren Mantel an einen Haken im Flur hängte. Bedrückende Stille. "Alfred muss rausgegangen sein", dachte sich Helga, als sie in das Wohnzimmer eintrat. Und dann sah sie ihn auf dem Sofa mit dem klaffenden Mund. Sie hatte ihn noch nie in dieser unbequemen Position einschlafen sehen. Ihr Herz klopfte. Ein markerschütternder Schrei entfuhr ihr, als sie zu Alfred stürzte und ihn schüttelte, um ihn aufzuwecken. Keine Regung. Zitternd legte sie die Finger auf seinen Hals, um seinen Puls zu prüfen. Der Puls war schwach, kaum wahrnehmbar. Ihr Blick huschte über das Wohnzimmer und erfasste das leere Blisterpack auf dem Boden.  Panik stieg in ihr auf. Was war passiert? Hatte Alfred versucht, sich das Leben zu nehmen? Ohne zu zögern griff sie zum Telefon und wählte den Notruf.

Helga überlegte fieberhaft, was sie tun konnte, bevor die Sanitäter eintrafen. "Magenspülung!", schoss es ihr durch den Kopf.
Händeringend suchte sie nach dem Magenschlauch, den sie glücklicherweise im Haus hatte, aber noch nie gebraucht hatte, und begann mit der Prozedur.

Mit routinierten Handgriffen führte sie den Schlauch in Alfreds Mund ein und spülte seinen Magen mit lauwarmem Wasser aus. Die Zeit rannte gegen sie. Jede Sekunde war kostbar. Alfred hustete und würgte, während Helga den Schlauch festhielt und ihm mit ruhiger Stimme beruhigend zusprach. Schließlich erbrach Alfred seinen Mageninhalt auf den Fußboden und begann, heftig zu husten. Sein Atem war schwer, aber er war am Leben. Helga hatte ihm das Leben gerettet.

Mit tränenüberströmten Augen sah sie Alfred an und strich ihm durch die blonden Haare. Es kam ihr nicht in den Sinn, ihn zu schimpfen oder ihn mit Fragen zu löchern. Sie wusste, wie geschwächt er war. Er musste sich erst einmal erholen, zu sich kommen.

Helga warf ihm einen letzten besorgten Blick zu, bevor sie ihn auf dem Sofa zurückließ und in ihr Schlafzimmer schritt. Auf dem Beistelltisch neben dem Doppelbett stand ein Glas Wasser und lagen Thorazin-Tabletten  - ein Antipsychotikum, das Alfred von seinem Psychiater verschrieben worden war.

Helga kehrte ins Wohnzimmer zurück, die Frage nach dem Auslöser brannte in ihrem Kopf. Ihr Blick fiel auf den Monitor, der vom Tisch geschleudert worden war. Entschlossen holte sie ihr Handy hervor und loggte sich in ihr Trading-Konto ein. Eine Long-Position auf TON, von der sie nichts wusste, war mit einem Verlust von 20% - 20.000 Dollar - zu Buche geschlagen. “War das der Grund für seine Entscheidung?”, fragte sie sich.

Helga hatte Durovs Ankündigung selbst gelesen und den Preisanstieg von TON vermutet. Was aber konnte dazu führen, dass der Trend so plötzlich umgekehrt war? Nach einer Antwort musste sie nicht sehr lange suchen: Eine Eilmeldung auf Coindesk berichtete, dass bei zahlreichen Coinbase-Nutzern der Kontostand plötzlich auf Null gesunken war, als ob sie einen Totalverlust erlitten hätten oder gehackt wurden. Dies ereignete sich gerade nach einem halsbrecherischen Anstieg des gesamten Kryptomarktes in der ersten Tageshälfte. Die Panikverkäufe, die durch die Eilmeldung ausgelöst wurden, führten zu massenhaften Liquidationen auf allen Kryptobörsen, wobei 800 Millionen USD in gehebelten Positionen vernichtet wurden.

Sie beschloss, Alfreds Long-Position in TON um 50.000 $ aufzustocken, um den durchschnittlichen Einkaufspreis zu senken. In den letzten Tagen hatte sie sich intensiv mit TON beschäftigt und war überzeugt von dem Potenzial der Kryptowährung. Sie wollte Alfred nach der Arbeit davon erzählen und ihn von einer Investition überzeugen.

"Manchmal muss man überflüssige Passagiere aussteigen lassen", sagte sich Helga, nachdem sie die Situation objektiv bewertet hatte.

Der plötzliche Preisverfall war also nur ein blöder Bug, der gleichzeitig alle Kryptowährungen betraf. Kurz darauf begannen sich die Kurse zu erholen und erreichten gegen Abend wieder ihre früheren Niveaus.

Nach fünfzehn Minuten traf der Rettungsdienst ein. Helga übergab ihren Mann den Sanitätern, die ihn ins Krankenhaus brachten. Sie fuhr dem Krankenwagen mit ihrem eigenen roten Ford Mustang nach.

Helga blieb bei Alfred im Krankenhaus. Sie bat ihre Mutter, Imke aus dem Hort abzuholen und das Mädchen über Nacht bei sich zu behalten. Mit ruhiger Stimme erklärte sie, dass es ihrem Mann gesundheitlich schlecht gehe, bewahrte aber weitere Details für sich: Die wollte sie ihrer nervenschwachen Mutter lieber ersparen.

Am nächsten Morgen erwachte Alfred sichtlich erholt. Als er Helga am Stuhl neben seinem Krankenbett sitzen sah, lächelte er sie müde an. Sie erwiderte sein Lächeln und strich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

"Du bist ein Dummerchen", sagte sie sanft. "Warum nimmst du deine Medikamente nicht ein? Du weißt doch, was alles passieren kann."

Alfreds Herz klopfte wie ein Presslufthammer. Unfassbar, dass Helga nichts ahnte. Wusste sie denn nicht, was er getan hatte? Panik stieg in ihm auf. Er musste ihr alles beichten.

"Helga, ich...", rang er nach Worten. "Ich habe... unsere Familienrücklagen vernichtet."

Helga sah ihn mit einem besorgten Lächeln an. "Alfred, ich weiß, was passiert ist. Es ist alles halb so wild."

"Du weißt es?", Alfreds Stirn runzelte sich. "Und du willst mich nicht an der Stelle kaltmachen?"

"Es war nur ein Bug bei Coinbase", erklärte Helga ruhig. "Die Kontostände der Kunden wurden falsch angezeigt. Das hat zu Panikverkäufen und Liquidierungen geführt, die die Preise in die Tiefe stürzten. Aber keine Sorge, es ist nichts verloren. Der Fehler wurde behoben und die Kurse erholen sich bereits wieder."

Sprachlos stand er da, die Worte versagten ihm. In seiner Verzweiflung hatte er jeglichen Bezug zur Realität verloren und versuchte nicht einmal zu begreifen, was wirklich vor sich ging.

"Deine TON-Position ist nicht mehr unter Wasser", sagte Helga ruhig. "Natürlich hättest du es mit mir absprechen sollen, anstatt dem Kurs hinterherzujagen. Die Preise haben sich seitdem erholt und steigen unaufhörlich weiter. Übrigens, ich habe mir eine Reise nach Kanada überlegt. Imke lassen wir bei Oma. Was hältst du davon? Du musst dich natürlich erst erholen."

"Aber... ich... du...", stammelte Alfred, sichtlich berührt von Helgas Worten. “War es möglich, dass diese Katastrophe doch noch ein glückliches Ende nehmen konnte?”, fragte er sich, denn die Last seines Fehlers lastete immer noch auf seinen Schultern.

Helga fixierte Alfred mit einem strengen Blick. "Alfred, sieh mich an!", sagte sie mit fester Stimme. "Du hast die Kontrolle verloren, weil du dein Antipsychotikum heute Morgen nicht genommen hast. Das führte zu einer manischen Episode, in der du übererregt warst. Die Erkenntnis deines Fehlers stürzte dich in tiefe Verzweiflung und führte zu Selbstmordgedanken. Aber das sind nur die chemischen Prozesse in deinem Gehirn, die ohne dein Medikamente verrückt spielen. Jetzt ist alles wieder gut. Du bist am Leben, und unser Kapital ist gut angelegt."

„Ich habe eine Woche Urlaub Ende März. Wir fliegen nach Ville de Quebec und bleiben im Fairmont Chateau Frontenac, wenn es noch nicht ganz ausgebucht ist. Du hast doch von dieser Stadt immer so geschwärmt.“, redete Helga weiter.

„Verzeihst du mir?“, fragte Alfred zögerlich.

„Wenn du mir versprichst, nie wieder die Medikamenteneinnahme zu vergessen, verzeihe ich dir alles“, sagte Helga und guckte ihn gespielt streng an.

„Ich tue alles für dich“, versprach Alfred ihr mit tränenüberströmten Augen. Helga beugte sich über ihn und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen.

Es war der 29. Februar. Das Wetter war spürbar wärmer als gestern und die Sonne schien durch das Krankenzimmerfester. Trotz seiner blassen Gesichtsfarbe und Augenringen war Alfred an diesem letzten Februarmorgen der glücklichste Mann der Welt.

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