Der Pass

An einem untypisch kalten und regnerischen Apriltag stand ich, eingequetscht zwischen zwei recht beleibten Panie, in einem überfüllten, stickigen Waggon eines Regionalzugs und scrollte durch meinen Nachrichten-Feed. Als mein Blick auf die ominöse Schlagzeile fiel, durchfuhr mich ein kalter Schauer, mir wurde schwindelig, und ich spürte, wie der Boden unter meinen Füßen zu entgleiten drohte.

Das nationale Parlament hat eine Reform der Mobilmachungsregeln nach monatelangen Beratungen verabschiedet: Die Regelungen für die Erfassung wehrfähiger Männer wurden verschärft.

Als ich las, dass dieses neue Gesetz nun in Kraft trat, spürte ich, wie die Kraft aus meinen Gliedern wich. Zum Glück hielten mich zwei von beiden Seiten fest an mich gepresste Damen in aufrechter Position.

Mit einem solchen Ausgang der Gesetzesverhandlungen hatte ich nicht gerechnet, als ich vor fünf Jahren in einem Akt hinterhältiger Selbstsucht die Flucht ergriff. Im polnischen Hinterland wähnte ich mich in Sicherheit, felsenfest davon überzeugt, dass die nationalen Behörden nicht in der Lage sein würden, ihre langen Fänge nach mir auszustrecken. Insgeheim hegte ich auch die Hoffnung, dass man mich vergessen hätte, dass meine Akte womöglich verloren ginge, bevor sie digitalisiert und in die Datenbank eingespeist werden konnte.

Um meine wahre Lebensgeschichte zu verbergen, scheute ich keine Mühe: Ich erlernte eine neue Sprache, verschwieg meine Vergangenheit, schuf mir eine neue Identität und begann sogar, mich in der hiesigen Gesellschaft zu etablieren: Ich absolvierte eine Ausbildung, knüpfte Freundschaften, fand eine Anstellung bei einem Betrieb, bildete Rücklagen und investierte sogar in Bitcoin, das ich allerdings bedauerlicherweise einige Jahre später bei einem Bootsunglück verlor. Das Finanzamt wurde über den Vorfall in Kenntnis gesetzt.

Ich wiegte mich in der süßen Illusion eines neuen Lebens, fern der Klauen des Militärkommissariats, lebte jedoch auf geliehene Zeit, ohne mir dessen bewusst zu sein. Mit einem einzigen Fingerschnipp hatten sie mich nun in ihrer Gewalt. Das sorgfältig errichtete Gebäude meines Lebens geriet ins Wanken und drohte in Scherben zu zerfallen. 

War Menschsein ohne einen gültigen Ausweis denn überhaupt mit den geltenden Gesetzen vereinbar?

Mich schauderte es bei dem Gedanken an die bevorstehende Begegnung mit meinem Arbeitgeber. Die Gesetzesnovelle machte Schlagzeilen. Was würde er wohl zu meiner misslichen Lage sagen? Vor meinem inneren Auge konnte ich seinen strengen Blick förmlich spüren, wie er mir unverwandt in die Augen sehen und unverblümt fragen würde:

"Panie S., wann ist Ihr Pass abgelaufen? Wir brauchen hier Leute mit gültigen Papieren, das sollte Ihnen doch klar sein. Wie ich Ihren Akten entnehmen kann, steht die Verlängerung Ihres Passes bald an, Panie S."

Heute Morgen, als ich mir in der Firmenküche eine Tasse löslichen Kaffee zubereitete, fiel mir ein Gespräch zwischen zwei Kollegen auf. Sie tuschelten angeregt, ohne zu ahnen, dass ich hinter dem Schleier aus Zigarettenrauch stand und lauschte:

"Panie S. muss wohl zurück in die Heimat. Sein Pass läuft bald ab."

"Er war ein guter Kollege, Panie S., aber Pflicht ist Pflicht. Man kann sich nicht ewig vom Wehrdienst drücken. Ich hoffe, er wird seinem Vaterland treu dienen."

Meine polnischen Freunde – die wunderbaren Menschen, die mir im Laufe der Jahre so ans Herz gewachsen waren – wirkten nach der Verkündung des neuen Gesetzes seltsam distanziert und zurückhaltend. Mit einem solchen Verlauf der Ereignisse hatten sie wohl nicht gerechnet. Konnte unsere Freundschaft denn weiterhin Gültigkeit haben, wenn mein Pass seine Gültigkeit endgültig verlor? Fragend blickte ich sie an, doch sie wichen meinen Blicken zunehmend aus und lenkten das Gespräch auf andere Themen.

Ohne meinen Nationalpass, den ich zuletzt mit tiefer Genugtuung, ja Entzücken betrachtete, würde mein Leben seinen Sinn verlieren. Sehnsüchtig blickte ich nun auf das dunkelblaue Büchlein mit dem sagenumwobenen Staatswappen, das ich in meiner zitternden Hand hielt. Das Ablaufdatum rückte unaufhaltsam näher und mein Herz wurde immer schwerer.

Dieselben Fragen kreisten unentwegt in meinem Kopf, wie ein Schwarm stechender Insekten, der mich in den Wahnsinn trieb.

Wer war ich denn ohne einen gültigen Pass? 

Ein Mensch ohne Gültigkeit, abseits des etablierten, gesetzestreuen Bürgertums? 

Wozu war ein solcher noch zu gebrauchen?

Für meinen Nationalpass würde ich vieles tun: Ja, sogar in den Krieg ziehen, wenn ich nicht so ein Feigling wäre, wenn ich nicht nur an mich selbst, sondern auch an die Zukunft meiner Heimat denken könnte. Aber ich bin nun mal kein Held. Man hat mich nicht zu einem mutigen und edlen Krieger erzogen. 

Ich möchte mich nicht über mein Schicksal beklagen, denn anderen ergeht es vielleicht noch schlechter und man sollte ihr Leid bedenken, anstatt sich nur auf die eigenen Probleme zu konzentrieren.  Auf diesen Gedanken bin ich in einem Buch von Ayn Rand gestoßen. Das Buch selbst habe ich nicht wiklich gelesen,  nur ein bisschen durchgeblättert. Wenn ich mich noch recht entsinnen kann, war es James Taggart, der es zum Ausdruck gebracht hat. Es ging ihm wirklich um das Gemeinwohl, nicht nur um sein eigenes Wohlbefinden.

Der soziale Gedanke ist mir nicht ganz fremd, das kann ich Ihnen versichern. Ich wollte mal eine Spende an die Armee tätigen, die so selbstlos den verbitterten Widerstand gegen den Feind leistet. 

Leider ist die Transaktion fehlgeschlagen. 

Ein anderes Mal verfasste ich einen positiven Beitrag für die sozialen Medien. Es ging darin um meine Landsleute und ihre Errungenschaften unter der weisen Führung von unserem Präsidenten.

Leider finde ich ihn nicht mehr.

An der Schule lernten wir, dass ein Nationalpass das ist, was einen Menschen definiert, ihm Freude und Sicherheit schenkt und ihn zuversichtlich in die Zukunft blicken lässt. Er ist viel mehr als ein bloßes Papierchen mit einem Stempel; Er ist ein Zeichen der Anerkennung und Zugehörigkeit: Du bist Teil der Gemeinschaft, ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft mit einer wichtigen Funktion. Unsere nationale Passbehörde stellt diese identitätstiftinden Dokumente aus, und unsere Bürger tragen sie mit Stolz und erhobenem Haupt. 

"Denn ein solcher Pass ist nicht nur ein Ausweisdokument, sondern ein Sinnbild der Ehre und Tugend unserer Nation, ein Zeugnis der Zugehörigkeit zu einem großen Volk, dessen Ruhm in allen Teilen der Welt erklingt", erklärten uns unsere Lehrer mit Nachdruck. 

“Dieses auf den ersten Blick unscheinbare, dunkelblaue Büchlein birgt in sich eine unermessliche Kraft: Es verleiht seinem Besitzer die wahre Identität des Staatsbürgers unseres Landes und erweckt in ihm ein tiefes politisches Sendungsbewusstsein. Es ist ein Schutzschild gegen unsere Feinde, die nach der Untergrabung unserer Nationalkultur trachten”, verkündete mit feierlichem Ernst unser Präsident während seiner letzten Rede, umgeben von einer endlosen, homogenen Menschenmasse, die wie ein tosender Ozean vor ihm lag. 

Mit zerknirschtem Herzen muss ich gestehen, dass ich meinen Pass bisweilen mit einer absolut unzulässigen Selbstverständlichkeit  betrachtet habe und nicht jeden Augenblick geschätzt habe, in dem ich das unschätzbare Büchlein in meiner Hand hielt, wohl glaubend, dass ich seine Gültigkeit auf Wunsch verlängern konnte.

Zwei Monate später 

Das Büchlein lag nun leblos in meinen Händen, ein untaugliches Fetzen Papier, das mir die Tore zur Welt verschloss: Mein Pass war abgelaufen.

Mein Arbeitsvertrag wurde fristlos gekündigt. Der Arbeitgeber drückte mir die Hand und wünschte mir eine gute Reise in die Heimat. 

Ich versuchte Unterschlupf bei meinen Freunden zu finden. Sie redeten sich aber immer wieder aus, so dass ich diese Idee schließlich verwerfen musste.  Mal waren sie plötzlich verreist, mal besuchte sie ein Onkel aus Nigeria, mal gab es einen nicht unerheblichen Wasserschaden von den Nachbarn von unten.  

Kurze Zeit später wurde mein Bankkonto bis auf Weiteres eingefroren und mein Mietvertrag gekündigt. Eine einwöchige Frist wurde mir eingeräumt, um den Raum zu räumen. 

Der Vermieter,  ein stämmiger Mann mit tief eingegrabenen Falten im Gesicht, sagte mir, dass ich zur Waffe greifen muss, um an der Front mein Land zu verteidigen. Sein Vater kämpfte 1943 gegen die Russen. Er nahm ein vergilbtes Foto und zeigte es mir voller Stolz. Er war ein mutiger Soldat, der an der Seite der Wehrmacht kämpfte und opferte sein Leben für den Ruhm und die Ehre seiner deutschen Herren. Ich sollte es ihm gleichtun, meinte der Vermieter mit einem väterlichen Lächeln und legte mir seine knorrige Hand auf die Schulter. 

“Es ist an der Zeit, deine Pflicht zu erfüllen, Sohn”

Der Gedanke an die Rückkehr in die Heimat und die damit verbundenen Folgen war mir unerträglich. Ich war mit meinem Latein am Ende, aber leben wollte ich trotzdem! Ich wartete auf ein Wunder, das mir in meiner misslichen Lage einen Rettungsanker reichen würde. 

Ich hatte kleine Ersparnisse in Stablecoins und vielleicht ein paar Altcoins, die in meiner Hot Wallet herumlagen, auf die ich noch zugreifen und sie zum Bezahlen verwenden konnte. Viel davon hatte ich nicht. Es war nur noch Kleingeld, das nach dem Schiffsunglück übrig geblieben war. Nur ein paar Groschen.

Leben im Wagen



Nachdem ich meine Wohnung und Zugang zu meinen Ersparnissen verloren hatte, wohnte ich in meinem Wagen, den ich auf einem unauffälligen Parkplatz am Stadtrand abgestellt habe. 

Mein Volvo Kombi hat schon bessere Zeiten gesehen. Vor einigen Jahren habe ich ihn auf einem Schrottplatz aufgetrieben. Die Rostlaube sollte eigentlich verschrottet werden, aber ich bat darum, ihn für 1000 Złoty haben zu dürfen. Die Sitze waren durchgesessen und verschmiert, aber dafür ziemlich bequem. Schwedische Qualität eben. Alles in allem ein Dach über dem Kopf und dazu noch auf Rädern!

Im Laderaum und auf den umgeklappten Rücksitzen habe ich mir ein halbwegs erträgliches Schlafplatz eingerichtet. Vorne stapelten sich meine wenigen Habseligkeiten: Klamotten, ein paar Bücher von Jordan Peterson, ein erotischer Erzählband mit Illustrationen, ein etwas ausgetrockneter Kaktus, ein neues Growkit zum Züchten von Pilzen, eine Blumenmuster-Topf, eine Holzschale, ein Blechbecher, Besteck aus Aluminium und ein alter sowjetischer Primus, den ich zum Heizen und Kochen benutzte.

Meine Tage verliefen ziemlich eintönig. Ich wachte auf, sobald die ersten Sonnenstrahlen durch die Windschutzscheibe drangen. Dann zündete ich den Primus an, kochte mir löslichen Kaffee und wärmte ein paar Bohnen aus der Konservendose auf.

Den Rest des Tages streifte ich durch die Gegend auf der Suche nach Essbarem, pflegte meine Pilze oder blieb im Auto und verbrachte die Zeit mit dem Lesen von Büchern, die Jordan Peterson empfohlen hatte.

Abends, wenn es dämmerte, wurde es im Auto kühl und traurig. Ich musste Kraftstoff sparen und versuchte, den Primus nicht ohne besondere Notwendigkeit anzuzünden. Vor dem Schlaf gönnte ich mir eine Tasse Pilztee und verkroch mich dann in meinen Schlafsack. Oft sprang ich nachts schweißgebadet auf und stieß mit der Stirn gegen die Decke. Mit rasendem Herzen stellte ich mir vor, dass ich die Schwerkraft verloren hatte und in den offenen Weltraum abtrieb…  Mein Volvo hob vom Boden ab und flog in einen bodenlosen Abgrund davon, und ich war auf ewig in diesem Aluminiumsarg eingesperrt - verurteilt zu ewigem Umherirren in den unendlichen Weiten des Universums.

Meine Ruhe wurde oft durch ungebetenen Besuch einer Gruppe von Schülern gestört, die von der nahegelegenen Gesamtschule kamen. Kichernd und grölend umkreisten sie mein Auto, klopften gegen die Scheiben und machten alberne Witze über mein heruntergekommenes Gefährt. Manchmal kam ich mir vor wie eine Kuh, die von lästigen Viehfliegen umschwärmt wird. Egal, wie oft ich sie verscheuchte, sie kamen immer wieder zurück.

Als ich sie auf mich zukommen beobachtete, riss ich am Zündschlüssel und ließ den V4 ohrenbetäubend aufbrüllen. Das Geräusch war wie das Kreischen eines angeschossenen Wildschweins, und die Bälger erstarrten vor Schreck. Dann rannten sie Hals über Kopf davon, stolperten über ihre eigenen Füße und stießen Schreie des Entsetzens aus. Ich war zufrieden.

Es war klar, dass ich an diesem Ort nicht lange verweilen konnte, denn bald gingen mir meine Bargeldreserven aus, und es wurde immer schwieriger, Kryptowährungen in Fiatgeld umzutauschen, ohne dass dies jemandem verdächtig vorkam. Auf Erkundungstouren in die Innenstadt, wo ich in den Mülltonnen nach Essensresten suchte, lief ich Gefahr, auf mich aufmerksam zu machen.

Es war ein Leben am Abgrund der Gesellschaft – ein Leben mit einem ungültigen Pass. 

Die ganze Zeit musste ich mich vor der Polizei in Acht nehmen, die arme Schlucker wie mich jetzt festnahmen und in Abschiebehaft schickten. Aus dem Hoheitsgebiet der Republik Polen wurden Wehrdienstverweigerer schnell und entschlossen vertrieben: Mit einem Dekret wurden uns die Aufenthaltsrechte gänzlich entzogen und und wir wurden für ausreisepflichtig erklärt.  Man pferchte uns in Güterzüge und transportierte uns unter Bewachung eines bis an die Zähne bewaffneten Sonderkommandos direkt an die Front.

Eine Fahrkarte ohne Rückfahrt.

Mit schwerem Herzen verabschiedete ich mich von meinem alten Volvo und schulterte meinen abgenutzten Rucksack, in den ich nur das Nötigste gepackt hatte: meinen Primuskocher, eine kleine Gasflasche, einen Blechbecher und die letzte Pilzernte.

Es war Zeit, mich auf den Weg zu machen.

Leben im Walde


Der dichte Wald, der sich wie ein grünes Meer vor mir erstreckte, war meine einzige Rettung. Mehr als hundert Kilometer erstreckte er sich durch mehrere Woiwodschaften bis nach Deutschland. Ich tauchte in das Dickicht ein, auf der Suche nach einem Versteck, das mir Schutz vor den Launen der Natur und den Augen der Menschen bieten würde. Tage lang wanderte ich durch, bis ich schließlich auf einen verlassenen Fuchsbau stieß. Vorsichtig kämpfte ich mich durch das dornige Unterholz und betrat die enge Höhle. Dort richtete ich mich notdürftig ein. Beeren, Pilze und Insekten wurden meine Nahrung. Mit jedem Tag verlor ich immer mehr von meinem menschlichen Antlitz.

Mein Fuchsbau bot keinen Schutz vor den eisigen Winden und dem beißenden Frost. Die kalte Jahreszeit konnte ich an diesem Ort unmöglich überstehen. Ein verzweifelter Plan keimte in mir auf: Ich könnte mich den Behörden in Deutschland stellen und mich als Frau ausgeben. In Deutschland galt es als frauenfeindlich, ja sogar menschenfeindlich, Zweifel an der Identität einer Person zu äußern. Aber ich war ein Mann, durch und durch. Mit der Vorstellung, eine Frau zu sein, konnte ich mich nicht ganz anfreunden. Ich hatte oft die Gelegenheit, sie im öffentlichen Personenverkehr oder am Arbeitsplatz zu beobachten. Ein paar Mal haben sie mich sogar kurz angesprochen.

Und doch glaube ich kaum, dass ich jemals dem innersten Kern eines weiblichen Menschen nahe gekommen bin. Sie blieben für mich ein Buch unter sieben Siegeln. 

Tagelang saß ich in meinem Loch, kochte Pilztee auf dem Primus, las Peterson und versuchte, das Wesen der Frau zu erfassen, die für mich immer noch etwas Unbegreifliches blieb. Langsam tauchte ich in die unbekannten Tiefen meines Bewusstseins ein. Mit Worten kann ich Ihnen das nicht beschreiben. Mit jeder Tasse Pilzelixier wurden meine Gedanken klarer. Verzaubert sah ich auf die tanzende Flamme des Primus und murmelte: "Die Frau ist wie Feuer, sie wärmt und verbrennt zugleich.

Ich rang mit diesem Gedanken, ohne einen Entschluss fassen zu können. 


Zwei Wochen später

Ich hatte lange mit mir gerungen, bevor mir die Unausweichlichkeit dieser Vorgehensweise einleuchtete. Schließlich musste ich einsehen, dass ich als Mann nicht mehr am Leben bleiben konnte.  Entweder würde ich elendig verhungern oder von wilden Tieren zerfleischt werden. Oder aber von den Forstbeamten gefangen und den Behörden übergeben.

Wie ein Insekt kroch ich aus meinem elenden Unterschlupf. Mein Erscheinungsbild glich eher dem eines riesigen Ungeziefers als dem eines Lebewesens, das einst ein Mensch gewesen war. Mit letzter Kraft richtete ich mich auf und machte mich auf den langen Weg gen Deutschland. Nur dort konnte ich meinen Anspruch auf Frausein erheben und ernst genommen werden. In Polen hätte man mich bei der Konfrontation mit  einer solchen Aussage nur mit Hohn überschüttet. Danach hätte man mir den Schädel mit einem Gewehrkolben eingeschlagen und mich in den Güterzug zum Abtransport in die Heimat geworfen. Nur allzu gut wusste ich, wie man mit solchen einfallsreichen Schlauköpfen bisher umgesprungen ist.

Endlich in Deutschland


Wie ein Bär nach der Hibernation trat ich in Deutschland aus dem Unterholz heraus. Einen Menschen in mir könnte man allenfalls erst beim genaueren Betrachten erkennen. Vor mir lag ein Dorf und ich ging schnurstracks auf es zu. Mehrere Autos fuhren vorbei und machten einen riesigen Bogen um mich. Lachende Kinder klebten mit ihren frechen Gesichtern an den Scheiben der vorbeifahrenden Autos, um meine zerknitterte Visage besser betrachten zu können. Die Erwachsenen glotzten mich mit aufgerissenen Augen und offenen Mündern im Vorbeifahren an, wohl wundernd, was ich denn für ein Tier sei. Sicherheitshalber drückten die meisten auf das Gaspedal, um sich schnell davonzumachen. 

Kaum hatte ich einen Kilometer zurückgelegt, als ich fünf Streifenwagen auf mich zurasen sah. Jemand musste die Polizei benachrichtigt haben. In hundert Meter Entfernung hielten sie an und nahmen Stellung. Mehrere Scharfschützen in voller Ausrüstung platzierten sich hinter den quer abgestellten Polizeiwagen. Der Megaphon bellte: "Halt! Kein Schritt weiter, oder wir schießen!"

Ich konnte kein Wort Deutsch, dennoch verstand ich instinktiv, dass ich stehen bleiben sollte. Die Panik begann in mir aufzusteigen. 

Wie sollte ich mich verständigen?

Ich musste ihnen zu erkennen geben, dass ich ein Mensch war. Doch wie? Meine Kleidung war zerrissen und verdreckt, meine Haare mattiert und ungepflegt. Ich sah aus wie ein wildes Tier, entkommen aus den Tiefen des Waldes.

Mit einem tiefen Atemzug sammelte ich all meine Kraft und schrie aus allen Leibeskräften: 

"Proszę nie strzelać!"

Einer der Polizisten musste Polnisch verstehen, denn es kam sichtliche Verwirrung auf. Sie blickten sich gegenseitig an, murmelten miteinander, einige kratzten sich am Kopf. Die Anspannung schien sich langsam aufzulösen und wich dann einer gedämpften Aufregung.

Ein Polizeiwagen fuhr langsam auf mich zu. Ohne auszusteigen und mir allzu nah zu kommen, ertönte erneut die Stimme aus dem Megaphon, wieder auf Deutsch:

“Was sind Sie?” 

“I … woman come out … Polska”, stammelte ich in meinem gebrochenen Englisch. 

Eine Minute lang herrschte Schweigen. Man konnte hinter der Windschutzscheibe des Ersatzwagens zwei Gestalten beobachten, die eine Unterredung führten. Dann ertönte die Megaphonstimme erneut, diesmal in einem viel sanfteren, freundlicheren Tonfall. Sie sprach nun im besten, ausgewählten Polnisch:

"Entschuldigung für diese schrecklichen Unannehmlichkeiten. Man hat bei uns die Anwesenheit eines nicht zu identifizierbaren Tieres... Person gemeldet, die... hmm, nun, es muss sich um einen Fehler gehandelt haben. Gewiss, grobe, unverzeihbare Fahrlässigkeit. Diese Person wird zur Rechenschaft gezogen, für die Falschmeldung."

“Brauchen Sie unsere Hilfe und Unterstützung?“ wurde ich gefragt.

Ich erklärte, dass ich vor Wochen im Wald verlaufen war und den Rückweg nicht mehr finden konnte. Sie erkundigten sich bei mir, ob ich die Begleitung zurück nach Polen wünschte, worauf ich entgegnete, dass ich mir auch ein Leben in Deutschland vorstellen könnte. Sie nickten zustimmend. Ich erkundigte mich, ob sie mich zum Einwohnermeldeamt fahren konnten, denn ich wollte meinen Wohnsitz in Deutschland anmelden und mir neue Ausweispapiere ausstellen lassen.

Ich hätte nie ahnen können, dass Deutsche so liebenswürdige, verständnisvolle und hilfsbereite Menschen waren. In Polen war das keine landläufige Meinung über den westlichen Nachbarn.

So fing also mein neues Leben in Deutschland an.

Neues Leben

Ich könnte mein Frausein auf die Räumlichkeiten der Behörden begrenzen, überlegte ich mir. Denn nur im Kontakt mit Beamten und Angestellten spürte ich diese tief verwurzelte weibliche Identität zum Vorschein kommen. Es war kein Winkelzug, keine Berechnung, sondern der Ausdruck meiner fluiden     Genderidentität. In anderen Lebensbereichen trat ich weiterhin als Mann auf.

Viele Forscher zeigten großes Interesse an meiner Situation. Sie sahen in mir ein faszinierendes Beispiel für die Vielschichtigkeit menschlicher Identität. Es gab allerdings auch einige skeptische Stimmen, die dieses neue Phänomen hinterfragten und bezweifelten. Doch ihre Kritik verstummte schnell und sie sind komplett aus dem öffentlichen Auge verschwunden.

Die Reportage erschien in einer renommierten Zeitung und löste ein großes Echo aus. Ich wurde zu einem Botschafter für Menschen mit flüssiger Genderidentität. Ich hielt Vorträge, gab Interviews und nahm an Konferenzen teil. Meine Geschichte half anderen Menschen, ihre eigene Identität zu verstehen und zu akzeptieren.

Ich war ehrlich und verstellte mich nicht. In den Talkshows sprach ich offen über meine flüssige Genderidentität und meine Erfahrungen. Meine Geschichte fand Gehör und stieß auf großes Interesse.

Verlage boten mir Buchverträge an, Werbeagenturen wollten mich für ihre Kampagnen gewinnen. Es stellte sich heraus, dass ich nicht der einzige Mensch mit einer seltenen Genderidentität war. Immer mehr Menschen traten mit ihren eigenen Erfahrungen hervor. Auffällig war, dass die meisten Fälle in den östlichen Teilen von Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern registriert wurden. Die Betroffenen konnten sich in den seltensten Fällen mit gültigen Papieren ausweisen und verstanden kein Deutsch; alle wollten dennoch in Deutschland bleiben.

Für sie wurden bundesweit Unterstützungszentren eingerichtet, und ich selbst wurde als Fachberater*in hinzugezogen. Warum gerade diese Regionen plötzlich ein so hohes Aufkommen von genderfluiden Personen verzeichneten, konnte bislang nicht eindeutig geklärt werden.

Mein Leben verlief seitdem glücklich und unbeschwert. Dank meiner Buchveröffentlichungen, meiner öffentlichen Auftritte und meiner Tätigkeit als Fachberater*in konnte ich ein nicht unbeträchtliches Vermögen aufbauen.

Ich heiratete eine wundervolle Frau, mit der ich eine Familie gründete. Wir bekamen zwei wunderschöne Kinder, die uns große Freude bereiteten.

So verlief also mein Leben bis dato.

Mit der Zeit verlor ich das Interesse am Thema "flüssige Genderidentität". Stattdessen widme ich mich jetzt der Vermögensverwaltung und der Erziehung meiner Kinder. 

Meine eigenen Erfahrungen habe ich verarbeitet und ich fühle mich in meiner Haut vollkommen wohl.

Es war vielleicht doch nur eine Phase.



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